Der Taoismus

In Harmonie mit sich selbst und der Natur zu leben ist ein zentrales Anliegen aller Taositen

Taoismus als eine der großen Weisheitstraditionen ist weder Religion noch eine rein philosophische Lehre. Vielmehr ist er ein sehr praxisorientierter Lebensweg, der Heilkünste, Meditation, Kenntnis der Naturkräfte und Philosophie miteinander verwebt. Ein Weg, der die Schönheit im Leben sieht und sie mit eben diesen Mitteln zur Entfaltung bringt.

Ein Taoist vertritt die Ansicht, dass das Leben eines jeden Menschen etwas Schönes ist. Das "Leben zu pflegen" und in Harmonie mit sich selbst, der Natur und dem Kosmos zu leben, ist das zentrale Anliegen aller Taoisten. Ausgehend von dieser Idee hat sich über die Jahrtausende ein detailliertes System aus Atem- und Körperübungen sowie medizinischen Praktiken entwickelt.
Ein Hauptthema der Lehre des Tao, das sich auch in allen Praktiken wieder findet, ist die stetige Wandlung aller Dinge. In der Natur manifestiert sich dieser Wandel durch das ständige Ineinanderwirken der beiden Hauptkräfte des Lebens, Yin und Yang, des weiblichen und des männlichen Prinzips.
Der Taoismus betont daher den Ausgleich dieser beiden Kräfte in allen Bereichen des Lebens. Zudem lehrt er, dass das Weiche und anscheinend Schwache, das dem Yin zuzuordnen ist, dem Harten und Starken oft überlegen ist. In der Natur zeigt sich dies besonders an der Kraft des Wassers.

Zur Essenz des Taoismus zählen stille Meditation, die taoistische Sexuallehre, innere Alchemie und viele Praktiken des heutigen Qigong. Aber auch Taiji und andere chinesische Kampfkünste, die traditionelle Kräuterkunde und Akupunktur basieren größtenteils auf taoistischem Gedankengut.
Zudem hat der Taoismus während der letzten zweieinhalb Jahrtausende in China viele magische und religiöse Formen hervorgebracht und als eine geistige Strömung fast alle Bereiche des chinesischen Lebens beeinflusst. Dazu zählen Malerei, Kalligraphie, Literatur, Kriegskunst, Astrologie, Philosophie, Naturwissenschaft, Geomantie, Staatsführung sowie das chinesische Alltagsleben.


DIE WURZELN: LAOZI UND ZHUANGZI

Die geistigen Grundlagen des Taoismus wurden im 6.-3. Jh. V. Chr. gelegt. In dieser Zeit sind die beiden wichtigsten philosophischen Werke des Taoismus entstanden: das "Daodejing", (alte Umschrift: Tao Te Ching) der Klassiker vom Tao und seiner Kraft, und das berühmte Werk "Zhuangzi" (alte Umschrift: Chuang Tzu), benannt nach seinem gleichnamigen Autor. Ohne diese beiden Schriften gäbe es heute wahrscheinlich keine Lehre, die sich als Taoismus bezeichnen ließe. Bis heute berufen sich fast alle Schulen und Vertreter taoistischer Strömungen auf den Inhalt dieser beiden grundlegenden Werke.
Das "Daodejing" besteht aus 81 kurzen und teilweise gereimten Sprüchen und gehört zu den meistübersetzten und kommentierten Werken der Menschheit. Traditioneller chinesischer Geschichtsschreibung gemäß geht es auf den Weisen Laozi (alte Umschrift: Lao Tzu) zurück, der angeblich ein Zeitgenosse von Kongzi (Konfuzius) war und daher um 500 v. Chr. Gelebt haben soll. Die geschichtlichen Angaben zu seiner Person sind allerdings widerspruchsvoll
und legendenhaft.

China war damals noch kein Kaiserreich, sondern ein in verschiedene Fürstentümer zerfallenes Staatsgebiet. Kriege, Hungersnöte und politische Unruhen beherrschten über lange Zeit das Leben. Wie viele andere Denker jener Zeit versuchte Laozi (Lao Tzu) daher eine Antwort auf die Frage zu finden, wie es wieder Frieden geben kann. Das "Daodejing" ist deshalb in vielen Aspekten als ein politisches Buch zu verstehen, dass vorwiegend als ein Ratgeber für die Fürsten geschrieben wurde.

DIE KRAFT HINTER DEN DINGEN

Dies macht auch verständlich, dass sich Laozi in vielen Kapiteln provozierend gegen die Ideen anderer geistiger und politischer Strömungen seiner Zeit richtet: So riefen die Anhänger des Konfuzius dazu auf, wieder Tugendhaftigkeit und Pflichtbewusstsein zu entwickeln, um Einheit und Harmonie unter den Menschen herzustellen, während die Legalisten versuchten, mit strengen Gesetzesentwürfen dem politischen und sozialen Wirrsal Einhalt zu gebieten.
Laozi vertritt im "Daodejing" dagegen einen anderen Standpunkt: Der Frieden unter den Staaten war für ihn nur durch inneren Frieden jedes einzelnen denkbar. Daher fordert er die Menschen und besonders die Fürsten dazu auf, von ihren Wünschen und Begierden abzulassen, die nur zu Streit und Unglück führen, und sich ihrer inneren Natur zuzuwenden. Auf diese Weise kommen sie nach Laozi in Einklang mit dem "Tao", dem "Weg".
Tao, als philosophischer Begriff eigentlich unübersetzbar, bedeutet soviel wie höchstes Prinzip des Seins, Welturgrund oder auch geistiges Gesetz des Universums. Das Tao manifestiert sich in der gesamten Schöpfung mit all ihren physischen Erscheinungen, ist aber selbst weder erkennbar noch beschreibbar, sondern steht wie eine höhere Kraft hinter den Dingen. So heißt es im ersten Kapitel des "Daodejing": Das Tao, das mitgeteilt werden kann, ist nicht das ewige Tao.
Dadurch, dass der Mensch mit dem Tao in Einklang lebt, wird er zum Weisen: Er erkennt seine wahre Natur, versteht die subtilen Gesetze des Kosmos und den Wandel der Dinge. So lebt er in innerer Stille, Einfachheit und tiefer Harmonie.
Diese Verbundenheit mit dem Sein führt dazu, das der Weise "alles vollendet, ohne etwas zu tun". Er greift nicht in den natürlichen Verlauf der Dinge ein, sondern orientiert sich an den Prinzipien der Natur. So gibt es für ihn nichts hinzuzufügen, wo alles in harmonischer Fülle vorhanden ist.
Über die Verbundenheit mit dem Tao durch die Abkehr von der Welt der Sinne, die Weisen und das Nicht-Handeln heißt es unter anderem im "Daodejing":

Es gibt einen Anfang des Kosmos,
Die Mutter aller Dinge.
Die Mutter kennen heißt, den Sohn zu kennen.
Den Sohn zu kennen, und doch in Verbindung
mit der Mutter zu bleiben,
Heißt, bis ans Lebensende ohne Sorge zu sein.

Verschließe die Sinne,
Schließe das Tor,
Und Leben ist immer voll.
Öffne die Sinne,
Sei immer vielbeschäftigt,
Und Leben ist jenseits von Hilfe.

Die Weisen treten zurück, und doch sind sie voraus.
Wenn das Selbst aufgegeben wird, wird es verwirklicht.
Wenn das Ich überschritten wird,
gewinnt man Erfüllung.

Im Streben nach Gelehrsamkeit
Kommt jeden Tag etwas hinzu.
Im Streben nach dem Tao
wird jeden Tag etwas weniger.
Vermindere und vermindere weiter,
Bis nicht mehr getan werden muss.
Wenn nichts getan wird, bleibt nichts ungetan.
Die Welt wird durch Nicht-Eingreifen regiert.
Sie kann nicht durch Eingreifen regiert werden.

Das im 3. Jh. v. Chr. in Form von Kurzgeschichten und Dialogen erschienene Werk "Zhuangzi" gilt als eines der größten Meisterwerke der Weltliteratur. Durch seine Themenvielfalt lieferte es vielen Generationen von Taoisten immer wieder geistige Inspirationen. Zhuangzi" nimmt den Grundgedanken des "Daodejing", die Einheit des Menschen mit dem Tao, auf und entwickelt
diesen in literarisch-poetischer Form weiter.

FREIHEIT UND DIE WANDLUNG DER DINGE

Während das "Daodejing" aber im Ton eines Meisters kurze und knappe Ratschläge gibt, stellt "Zhuangzi" Fragen. Zudem ist "Zhuangzi" das erste Werk, in dem das Individuum im Mittelpunkt steht: Nicht die Harmonie der Gesellschaft und der Frieden des Landes, sondern die Freiheit des einzelnen
Menschen - und besonders desjenigen, der mit dem Tao im Einklang lebt - ist das wichtigste Thema im "Zhuangzi".
Zwei wichtige und bekannte Abschnitte des Textes sind "der Schmetterlingstraum" und die kurze Passage über "Liezi, der auf dem Wind reitet". Während im ersten die Wandlung aller Dinge das Thema ist und zugleich in Frage gestellt wird, was ein Mensch überhaupt zu wissen vermag, deutet der zweite an, was "Zhuangzi" unter wahrer Freiheit versteht:

Einst träumte Zhuangzi, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wusste von Zhuangzi. Plötzlich wachte er auf: Da war er wieder wirklich und wahrhaft Zhuangzi. Nun weiß ich nicht, ob Zhuangzi geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Zhuangzi sei, obwohl doch zwischen Zhuangzi und dem Schmetterling sicherlich ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.

(Da gab es…) ferner Liezi, der sich vom Winde treiben lassen konnte mit großartiger Überlegenheit.
Nach fünfzehn Tagen erst kehrte er zurück. Er war dem Streben nach dem Glück gegenüber vollständig unabhängig; aber obwohl er nicht auf seine Beine angewiesen war, war er doch noch von Dingen außer ihm abhängig. Wer es aber versteht, das innerste Wesen der Natur sich zu eigen zu machen und sich treiben zu lassen vom Wandel der Urkräfte, um dort zu wandern, wo es keine Grenzen gibt, der ist von keinem Außending mehr abhängig.

Das "Daodejing" und das Werk "Zhuangzi" enthalten viele Passagen, in denen meditative Elemente zu finden sind. Beide Werke sind aber in erster Linie philosophische Schriften, deren zentrales Thema die Möglichkeit der Einheit des Menschen mit dem Tao ist. Daher liefern sie keine praktischen Anleitungen für Versenkungszustände.
Auch die Idee, durch Körperübungen die Lebenskräfte zu kultivieren und so das Leben zu verlängern, ist kein Thema beider philosophischen Werke. "Zhuangzi" belächelt sogar in einem Kapitel diese Idee, da sie davon wegführt, mit seiner wahren Natur in Einklang zu sein.
Die Hinwendung zu Atem- und Körperpraktiken und damit einhergehend das Streben nach Lebensverlängerung oder gar "Unsterblichkeit" begann erst in der späten Entwicklung des Taoismus. Damit gewann auch die Kultivierung der Lebenskraft Qi, wie sie heute in vielen Qigong-Übungen gelehrt wird, allmählich ihre gegenwärtige Bedeutung.

YIN-YANG UND DIE FÜNF ELEMENTE

In der Zeit der vorchristlichen Jahrhunderte gab es in China einen Aufbruch des Denkens. Zum einen entstanden, bedingt durch die gesellschaftliche und politische Krise des Landes, eine Vielzahl philosophischer Schulen, von denen die Konfuzianer, die Legalisten und die Anhänger des Tao die wichtigsten waren. Zum anderen gab es erste prowissenschaftliche Ansätze - Versuche, die Geschehnisse der Natur und auch die Veränderungen der Gesellschaft mit Hilfe einfacher Modelle auf rationale Weise zu erklären und eventuell zukünftige Tendenzen vorherzusehen. So entwickelten sich die "Lehre der Fünf Elemente" und die "Yin- und Yang-Lehre." Beide haben sich über die Jahrhunderte weiterentwickelt und zählen bis heute unter anderem zu den wichtigsten Diagnoseverfahren der chinesischen Medizin. Die Ursprünge der "Yin- und Yang-Lehre" gehen auf das "Yijing" (alte Umschrift:
I Ching), das "Buch der Wandlungen" zurück. Dieses Orakelwerk, das in rudimentärer Form schon im 2. Jahrtausend vor Chr. existierte, trägt die Wurzeln des chinesischen Denkens in sich und bildete eine wichtige Grundlage für die philosophischen Ausführungen von Laozi und Zhuangzi.
Zudem gab es im alten China erste Ansätze von Akupunkturverfahren. Es gab Drogenkundige, die sich mit Heilpflanzen auskannten und ein altes Schamanentum, in dem verschiedene Trance-Praktiken verbreitet waren.
Auch einfache gymnastische Körperübungen waren allgemein bekannt.

Die Wurzeln vieler dieser alten Traditionen liegen wahrscheinlich im 2. Jahrtausend v. Chr., lassen sich heute aber nicht mehr zurückverfolgen. Wichtig ist, dass sie nicht unbedingt als taoistisch zu bezeichnen sind, sondern eher zum allgemeinen chinesischen Kulturgut gehören. Sie haben aber mit dem philosophischen Taoismus, genau wie die neuentwickelten pro-naturwissenschaftlichen Ansätze, ein wichtiges gemeinsames Thema: die harmonische Beziehung des Menschen zum Kosmos und die Beziehung der Menschen untereinander. So konnte es bald zu einer Synthese der verschiedensten Strömungen kommen, die zu einer Weiterentwicklung des Taoismus führte.


DER WEITERENTWICKELTE TAOISMUS

Besonders durch den Einfluss der "Yin-Yang" und der "Fünf-Elemente-Lehre", der alten schamanistischen Praktiken und der medizinischen Erkenntnisse hat sich in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten allmählich eine neue Form des Taoismus herauskristallisiert, deren Schwerpunkt in der "Pflege des Lebens" bestand.
Der Taoismus wurde nun zu einer umfassenden und praxisorientierten Lehre, die eine Vielzahl von Disziplinen, Übungsformen und Wissensgebiete umfasste. Zu den wichtigsten zählen:

- Philosophie
- Körperübungen
- Atemübungen
- stille Meditation
- Ernährungskunde
- Kräuterkunde
- sexuelle Praktiken
- Schicksalsgestaltung

Es entwickelten sich verschiedenste Schulen und Strömungen, von denen einige zudem vom Buddhismus beeinflusst wurden, der seit dem 2.Jh. n. Chr. in China Fuß gefasst hatte. Außerdem gab es, wie im vorchristlichen China, weiterhin Eremiten, die ihren individuellen taoistischen Weg verfolgten.
Neben stiller Meditation und der Kultivierung des Geistes waren rituelle und magische Praktiken, Techniken zur Lebensverlängerung oder geheime Sexualpraktiken verbreitet. Letztere dienten dem Zweck, die Yin- und
Yang-Kräfte zwischen Mann und Frau zu harmonisieren und die rohe
Sexualkraft innerlich zu verfeinern und so für geistige Zwecke zur Verfügung
zu stellen.
Die wichtigste Veränderung und Neuerung des weiterentwickelten Taoismus war aber die "Suche nach Unsterblichkeit". Damit wurde eine lang anhaltende Epoche der "Alchemie" eingeleitet.


DIE SUCHE NACH UNSTERBLICHKEIT

Alchemie wird allgemein als "die wissenschaftliche Beschäftigung mit chemischen Stoffen" definiert, "in deren Mittelpunkt die Umwandlung und Veredelung von Stoffen steht". Im Taoismus trennt man zwischen den Schulen der äußeren und der inneren Alchemie.
Die Anhänger der äußeren Alchemie waren von dem Wunsch beflügelt, das Leben bis zur Ewigkeit zu verlängern und versuchten, die Zerfallsprozesse des Körpers aufzuhalten, indem sie ihm von außen nährende oder chemische Substanzen zufügten. Ihre Praktiken, die in ähnlicher Form auch bei uns im Abendland verbreitet waren und viele Parallelen zur heutigen Wissenschaft aufweisen, zeigten allerdings keine dauerhaften Erfolge. So verlor diese Richtung allmählich an Einfluss und Bedeutung.
Hinter dem Begriff der "inneren Alchemie" verbirgt sich dagegen ein komplexes und über Jahrhunderte gereiftes Meditationssystem, das in vielen Bereichen mit den tantrischen Schulen des Mahayana-Buddhismus vergleichbar ist: In beiden Systemen liegt das Hauptgewicht auf Visualisierungspraktiken und auf der Transformierung der sexuellen Energie in geistige Kraft.
Während der Buddhismus in erster Linie eine Schulung des Geistes lehrt, führt der Weg der Alchemie über die Kultivierung des Körpers zum Geist. Das verbindende Glied zwischen beiden ist die Lebenskraft Qi.

Vergleicht man das menschliche Leben mit einer brennenden Kerze, dann hatten die Anhänger der äußeren Alchemie das Ziel, dass die Kerze ewig weiterbrennt. Die inneren Alchemisten strebten dagegen an, dass das Licht noch scheint, nachdem die Kerze erloschen ist. Sie bedienten sich dazu einer Kombination aus stärkenden Körperübungen, energetischen Praktiken und stiller Meditation. Zudem befolgten sie oft spezielle Diäten und nahmen für gewisse Zeit verschiedene Heilkräuter zu sich, um sich innerlich zu reinigen und die Energien des Körpers zu stabilisieren.


HARMONISIERUNG UND VEREDELUNG DER LEBENSKRAFT

Im Mittelpunkt der inneren Alchemie stand die Bewahrung, Verfeinerung und Veredelung der Lebensenergie Qi.
Die Vorgehensweise der inneren Alchemisten bestand vor allem darin, die Yin- und Yang-Energien und das Kräfteverhältnis der fünf Elemente innerhalb des Körpers auszugleichen. Da die fünf Elemente in der Chinesischen Medizin mit den fünf Hauptorganen des Körpers - der Lunge, den Nieren, der Leber, dem Herzen und der Milz - gleichgesetzt werden, bildete die Reinigung und Harmonisierung der Organenergien einen wichtigen Teil der alchemistischen Praxis. Dieser Prozess wurde durch das Einatmen und Aufnehmen von frischem Qi aus den verschiedenen Quellen der Natur, in der sich ebenfalls die Qualitäten aller Elemente - nämlich Metall, Wasser, Holz, Feuer und Erde - fanden, unterstützt.


Nur wenige sind in der Lage, ihre Lebensenergie
im Bauchraum zu zentrieren und zu speichern

So konnten die Alchemisten nicht nur in eine harmonische Verbindung zur Natur und zum Kosmos treten, sondern über Umwege auch zu der bereits von Laozi verkündeten Einheit mit dem Tao zurückkehren. Nach Ansicht der inneren Alchemisten bestand diese in einem Zustand vollkommener Freiheit jenseits des physischen Seins, denn die gesammelten und vereinten Qi-Kräfte des physischen Körpers wurden durch die Veredelung, die während tiefer Meditation stattfand, in "Shen", "Geist", umgeformt, so dass sich innerhalb des physischen Körpers allmählich ein "unsterblicher geistiger Lichtkörper" entwickeln konnte.


SEXUELLE PRAKTIKEN

Als eine der Hauptquellen der Lebensenergie wurde die Sexualkraft angesehen. Diese Energie, die neues Leben schaffen kann, galt für die inneren Alchemisten nicht nur als Essenz ihres Wesens, sondern auch als Basis für Kreativität, künstlerisches Schaffen, Vitalität und Spiritualität.
Eines der wichtigsten Anliegen für das Gelingen der Bewahrung und Veredelung der Lebenskräfte bestand für die inneren Alchemisten daher in der Harmonisierung, Vermehrung sowie Transformierung der Sexualkraft in spirituelle Energie. Mann und Frau lernten, die sexuelle Energie zu bewahren und die Energie der Hoden und Eierstöcke bewusst zu vermehren und über die Wirbelsäule hinauf in das Gehirn, die Drüsen und die inneren Organe zu leiten. Auf diese Weise wurde ein innerer Selbstheilungs- und Verjüngungsprozess eingeleitet, der in fortgeschrittenen Stadien in tiefe meditative Versenkungszustände führte.
Diese sexuellen Praktiken, die während, aber auch außerhalb des Geschlechtsverkehrs - als Form der Meditation - ausgeführt werden konnten und voraussetzten, dass der Mann beim Geschlechtsverkehr nicht seine Samen ergoss, bildeten zudem die Grundlage für die Bildung des "Goldenen Elixiers" - dem eigentlichen Ziel der inneren Alchemisten.


DER LICHTKÖRPER ENTSTEHT

Das "Goldene Elixier" ging nach vielen Jahren der Meditation aus einer Form des "innerlichen Geschlechtsverkehrs" hervor. Die Bildung des "Goldenen Elixiers" erklärt, mit welchen Praktiken die inneren Alchemisten die Entstehung eines "unsterblichen Lichtkörpers" anstrebten. Anstatt Erfüllung in der Welt der Sinne zu suchen und die Lebenskräfte über die Jahre immer mehr zu erschöpfen, lenkten die inneren Alchemisten ihre Sexualenergie sowie die Begierden ihres Herzens nach innen und "befruchteten" sich selbst.


INNERE ALCHEMIE IM 20. JAHRHUNDERT

Zusammen mit den frischen Kräften der Naturelemente, die sie durch spezielle Qigong-Übungen aufnahmen und im Körper speicherten, und den gereinigten Energien der inneren Organe konnte so im Unterbauch, dem "Schmelz-tiegel" des Körpers, eine Vermählung entgegengesetzter Kräfte entstehen - eine verdichtete und veredelte innere Energie, die in der alchimistischen Sprache "Goldenes Elixier" genannt wird. Dieses "Goldene Elixier" bildete sozusagen den Samen für einen "spirituellen Embryo". Aus der verdichteten und verfeinerten Lebensenergie konnte allmählich der feinstoffliche "Lichtkörper" entstehen, der nach Annahme der inneren Alchemisten auch nach
dem Tod des physischen Körpers unabhängig in der geistigen Welt reisen konnte.

Besonders durch ihre Kombination mit meditativen Vorgehensweisen - wie die Harmonisierung fünf Elemente und dem Ausgleich der Yin- und Yang-Kräfte - wurde die innere Alchemie zur wichtigsten meditativen Strömung des nachchristlichen Taoismus, die in vielen Ausformungen bis in unser Jahrhundert hineinwirkt.
Nicht wenige der heutigen Qigong- oder Tao-Meister sind direkte oder indirekte Nachfolger der alten chinesischen Alchemisten, denn sie lehren meist nicht das "stille Sitzen" und die direkte Vereinigung mit dem Tao, sondern die "Pflege des Lebens" und das Sammeln von Qi-Kräften im Unterbauch.
Zwei der bekannten chinesischen Meister, die heute im Westen unterrichten und von sich selbst sagen, dass sie aus der Tradition der inneren Alchemie stammen, sind Mantak Chia und Zhi-Chang Li.

Versteht man die Erschaffung des feinstofflichen Körpers mehr als ein Ideal oder als eine "hypothetische Möglichkeit", dann bekommen die Praktiken der inneren Alchemie weit mehr Bezug zum Alltagsleben im heutigen Westen, als sich auf den ersten Blick vermuten lässt. Denn die Alchemisten lehrten nicht nur den bewussten Umgang mit der Sexualkraft, der besonders in der heutigen Zeit vielen Menschen eine Hilfe sein kann, sondern auch eine moderne Form von "Energiemanagement": Sie wussten, wie sie Überarbeitung vermeiden konnten, lernten ihre Lebenskraft zu zentrieren, konnten durch die Reinigung und Stärkung ihrer Organe Krankheiten vorbeugen und waren Meister darin, durch Körperübungen und Kräuter ihre Substanz aufzubauen und zu bewahren. Neben all dem zeigten sie einen detaillierten Weg, über die "Pflege des Körpers" und die Verfeinerung der inneren Energien tiefe geistige Versenkungszustände zu erreichen.

Viele detaillierte Kenntnisse dieses Weges können uns auch heute von Nutzen sein, denn besonders in den letzten zwanzig Jahren sind zwar Körperarbeit, Therapie und Meditation beliebt wie nie zuvor, aber nur wenige Menschen sind - auch nach Jahren intensiver Praxis - in der Lage, ihre Lebenskraft im Bauchraum zu zentrieren und zu speichern. Und dies ist nicht nur ein Anliegen der Taoisten, sondern eine sehr wichtige Voraussetzung fast aller höheren Meditationsformen der verschiedensten Traditionen.

Aktuelle Kurse

Seminarkalender